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Bezirk Eisacktal

Oswald von Wolkenstein & Brixen

vom 20.03.2014 um 07:41 Uhr

Oswald von Wolkenstein (1377-1445) war ein weitgereister Mann. Geboren auf der Trostburg (Eisacktal / oberhalb von Waidbruck), verließ er mit 10 Jahren als Knappe seine Heimat und bereiste die damalige bekannte Welt. Im Osten kam er bis Armenien, im Norden bis nach Litauen und Schottland, im Westen bis ans Ende der Welt nach Santiago de Compostela und im Süden an die afrikanische Nordküste.  Selbst die Krim, die in diesen Tagen ja in aller Munde ist, hatte er besucht.

Das sind viele Reisen, anfangs zu Fuß, später dann zu Pferd und auch mit dem Schiff. Da Oswald an einer angeborenen Ptosis[1] am rechten Auge litt, war diesbezüglich recht einäuig. Das nicht vorhandene dreidimensionale Sehen ist für einen Ritter (Ritter = Reiter) in mehrfacher Weise beschwerlich, so beim Reiten selbst, aber auch beim Kämpfen.

Auf dem „Alten Friedhof“ in Brixen steht heute noch der Gedenkstein, bzw. die Grabplatte und anstelle hier eigene Wort zu finden, sei der große Oswald-Experte Dieter Kühn zitiert:

„Oswald ließ 1408 einen Gedenkstein herstellen und im Brixener Dom anbringen – die lebensgroße Selbstdarstellung eines feschen Kreuzfahrers mit gezwirbeltem Schnurrbart, gewelltem Kinnbart, onduliertem Haar, mit Harnisch. Kampfrock, Rittergurt und Langschwert, in der rechten Hand ein Kreuzfahrerwimpel, in der linken ein Helm mit gewundenen Hörnern, aus denen standesüblich Pfauenferdern ragen. So steht er auf den Wappen der Familie Villanders und der Familie Wolkenstein, mit Lamellenschuhe und Radsporen.

Oswald nicht als Pilger sondern als Kreuzritter: hier wird erheblich stilisiert! Eine Selbstpräsentation dieser Art war in seinem Stand verbunden mit einer Pilgerfahrt ins Heilige Land: der Stein als sichtbares Gelöbnis. Und zugleich als Grabstein für den Fall, daß man nicht zurückkehrte; am rechten Rand blieb Platz frei zur Eintragung der Daten.“[2]

Oswald wird von dieser Jerusalemfahrt gesund zurückkommen und auch einige neue Gedichte bzw. Lieder mitbringen, die der deutschen Literatur eine neue Wortwelt bescheren und die künstlerische Genialität des Wolkensteiners zeigen.

„2m2“ wird immer wieder den Spuren des Oswald von Wolkenstein in Südtirol begegnen. Wer ihm in der abgeschiedenen Stille des Alten Friedhofs in Brixen gegenüberstehen will, der sollte bitte die Ruhe des Ortes respektieren und ehren.

 

PS: Die Musik zu dieser Folge mag nicht wirklich mittelalterlich klingen, doch sie ist reiterlich und mag daher auch an einen Western erinnern. J

[1] Ptosis = Das obere Augenlid kann nicht gehoben werden.

[2] Kühn, Dieter, Ich Wolkenstein, Erweiterte Ausgabe 1980, insel taschenbuch 497, S.81